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Man konnte gerade so die Baumwipfel erkennen. Wenn man mit einem konzentrierten Blick darauf starrte, konnte man die oberen Zweige der Bäume des Nadelwaldes sehen, welcher sich unter ihr erstreckte. Der Rest der Landschaft war in dichten Nebel gehüllt. Sie liebte diese Art von Nebel. Grauweißer, dichter, feuchter Nebel. Er dämmte jedes Geräusch, dämmte die komplette Welt um einen herum und gefühlt, dämmte er ihren hektischen und andauernden Gedanken- und Gefühlsstrom, welcher in ihr herrschte. Bei diesem Anblick, welcher sich in diesem Moment vor ihr auftat, breitete sich stets eine tiefe Ruhe in ihrem Körper aus; vollkommene Ruhe. Es fühlte sich an, wie, als würde nach einem Flossenschlag knapp über dem Meeresboden alle aufgewirbelten Sandkörner zurück auf den Meeresgrund schweben, sich dort ablegen und erneut die Sicht freimachen. Die Sicht auf all die außergewöhnlichen Dinge, die sich um sie herum ereigneten.
Sie wippte noch einmal kurz auf den Zehenspitzen, breitete die Arme aus und lief dann den Hügel hinunter.
Der Wind pfiff ihr um die Ohren und ihre Sprünge wurden immer größer, während sie an Geschwindkeit gewann.
Das Ziel vor Augen beflügelte sie. Ein lang gehegter Traum schien wahr zu werden.
Während sie lief, verirrte sie sich in ihren Gedankengängen, erschauerte und blieb abrupt stehen. Mit Herzklopfen und schweißnassen Händen stand sie nun am Hang und sie hörte den pochenden Puls in ihren Ohren.
Taumelnd brachen die Gedanken über sie herein. Was, wenn sie sich irrte? Was, wenn er sie abweisen würde? Wenn er lachen würde? Sie war sich bis eben noch so sicher gewesen. Doch die Trugbilder und Wendungen der Vergangenheit vergifteten ihre Euphorie. ,Wenn ich – wenn ich nicht...’, sie versuchte ihre rasenden Gedanken zu ordnen, holte tief Luft und wiederholte den Rest des Weges immer wieder den einen Satz: ,Egal, was passiert, ich gehe den Weg bis zum Ende.’
Doch während sie diesen Satz immer und immer wiederholte und versuchte, sich selbst Mut zuzusprechen, blieb sie stehen und schaute auf. Denn da war auf einmal ein ganz neuer Gedanke aufgetaucht, es war plötzlich so klar: was, wenn der Weg, den sie eben ging, gar nicht auf ein "Ende" zusteuerte, sondern der Beginn von etwas ganz Neuem war? Etwas Gutem? Sie musste lächeln. Wie konnte sie nur all die Zeit damit verbringen, Angst vor etwas zu haben, das noch gar nicht real war? Es waren doch nur ihre Gedanken, die ihr einen Streich zu spielen versuchten, indem sie sie an etwas Vergangenes erinnerten und ihr vermeintlich Zukünftiges heraufbeschwörten, aber alles andere als in der Gegenwart waren. Wovor sollte sie Angst haben? Jetzt, gerade in diesem Moment, da ging es ihr wirklich gut. Und wenn sie sich zurück erinnerte, hatte alles "Schlechte", das ihr widerfahren war, immer einen Grund und mag es in dem Moment auch noch so schlimm erscheinen, es war immer der Beginn von etwas Gutem. Also warum sollte sie sich jetzt sorgen, wenn sie doch tief in ihrem Inneren diese Zuversicht verspürte, dass es sie in ein paar Monaten oder gar Jahren gar nicht mehr stören würde, sie es vielleicht sogar vergessen haben wird. Sie dachte an ein Zitat: "Wenn du weißt, dass du in zwanzig Jahren darüber lachen kannst, warum lachst du nicht schon jetzt?" Und so entschied sie sich dafür, Vertrauen zu haben. Und mit dem zu sein, was ist.
Mit einem Lächeln auf dem Gesicht stand sie da, ihre Aufmerksamkeit wieder auf das sie umgebende Land gerichtet. Sie war nun von dem dichten Nebel umhüllt, wie ein Schleier lag er auf Wald und Feldern, ließ die Sicht weit und endlos erscheinen. Behutsam setzte sie sich wieder in Bewegung, bei jedem Schritt auf die Veränderung achtend, gespannt darauf, was der Nebel offenbaren würde.
EINS. Yasmina liegt bäuchlings auf ihrem Bett, eine halb-aufgerauchte Zigarette zwischen die Finger geklemmt, tief versunken in Anna Karenina. Nur langsam dringt ein penetrantes Geräusch zu ihr durch. Es klingelt an der Tür. Sturm. Mit einem Seufzen öffnet sie die Wohnungstür und wird von Finn überschwänglich begrüßt. "Zieh dich an, wir machen heute noch einen Ausflug!" Finn grinst und drückt Yasmina ihren Mantel in die Hand, "die Nacht ist noch jung".
ZWEI. Yasmina blinzelt mehrmals überrascht, die Asche der Zigarette fällt unbeachtet zu Boden. Manchmal brauchte sie etwas, um nach ihren Ausflügen wieder in der Realität anzukommen. Finn, von ihren Reaktionszeiten unbeeindruckt, schiebt sie etwas zurück, um die Tür schliessen zu können und nimmt ihr sanft die Zigarette aus der Hand. "Lass uns etwas erleben", sagt er rauchend, während er in ihrem Kleiderschrank wühlt, "irgendetwas, wovon wir an rauchgeschwängerten Abenden erzählen können." Wider ihrem Willen stiehlt sich ein Lächeln in ihr Gesicht, während sie die kalte Asche mit den Zehenspitzen in den Teppich einarbeitet. Vor Yasmina landen mit einem Poltern ihre Stiefel. Sie betrachtet sie, hebt fragend ihre Augenbraue und sieht zu Finn, der die aufgerauchte Zigarette achtlos in einer leeren Flasche erstickt. "Es ist Sommer, Finn." Er schaut sie an, die Lippen gekräuselt. "Es ist hier Sommer, Yasmina. Aber man erlebt nichts innerhalb seiner Komfortzone."
"Und du meinst, nur weil ich meine Winterstiefel trage werden wir etwas ganz außergewöhnliches erleben?" Sie lacht glucksend und versucht ihre zerzausten und lockigen Haare, welche ihr bis über die Brust reichen, mit einem goldenen Zopfgummi zu bändigen.
Er schaute sie ernst an. Es passierte ihr in letzter Zeit immer wieder, dass sie an seinen blaugrauen Augen hängen blieb und sie für einen Augenblick nicht mehr wusste was sie eigentlich gerade vorhatte zu antworten. Finn hob seine Augenbrauen und seine Stirn legte sich in feine Falten. "Beendest du noch dein Vorhaben deine Haare zu bändigen oder möchtest du noch etwas länger in deiner Parallelwelt hängen bleiben?"
Eigentlich würde sie gerne noch etwas hängen bleiben. In dieser Welt, in der sie komplett alleine umherirrte. Allerdings kannte sie Finn inzwischen gut genug um seine Ungeduld zu spüren, welche sich in im breit machte. "Ich bin bereit für dich aus meiner Komfortzone auszubrechen", antwortete sie mit einem schelmisch angedeuteten Lächeln auf den Lippen. DREI. Sie zitterte. Nein, sie schwitzte. Und zitterte. Sie schwitzte auf Grund der Winterstiefel, welche sie an ihren Füßen trug und zitterte wegen der vielen Menschen, die sich um sie herum zu dieser Musik bewegten, welche von überall her zu kommen schien.
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WAS BISHER GESCHAH
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